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Sachbücher

Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur
Köln: DuMont 2003, 192 Seiten, 14,90 Euro

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Inhalt Rezensionen Leseprobe

   

Die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur von den Anfängen im Mittelalter bis zur Gegenwart.

Die Heldinnen und Helden der kleinen Leser: Struwwelpeter, Winnetou und Lederstrumpf, Emil Tischbein und seine Detektive, die kleine Hexe, das Sams, Harry Potter und viele, viele mehr

Die ganze Vielfalt der Gattungen und Medien: Romane und Erzählungen, Märchen und Gedichte, Hörspiele und Comics

Die Kinderliteratur im Spiegel der Zeit- und Kulturgeschichte: Wie haben sich die Vorstellungen von Kindheit und die pädagogischen Konzepte gewandelt?

Ein unentbehrlicher Wegweiser für Eltern und Pädagogen, Bibliothekare und Buchhändler

Eine Einführung in die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur, so übersichtlich wie ein Lexikon, so unterhaltsam wie ein Roman, so anschaulich wie ein Bilderbuch.

   

Inhalt

 

Anfänge (1450-1750)
Wurzeln in Antike und Mittelalter – Tugend- und Anstandsliteratur seit dem Humanismus – Tugendschriften für die weibliche Jugend – Werke zur Rhetorikerziehung – Religiöse Kinder- und Jugendliteratur – Anfänge der Sachliteratur: »Orbis pictus« – Unterhaltungslektüre: Fabeln, Volksbücher, Ritterromane

Aufklärung (1750-1800)
Rousseau und die Folgen – Philanthropistische Kinderliteratur – Unterhaltungsschriften: Lieder, Almanache, Fabeln – ABC- und Lesebücher – Sittenbücher – Ratgeber für die Jugend – Die Welt entdecken: Sachliteratur – Kinderliterarische Geselligkeit – Der erste deutsche Kinderbuch-Klassiker – Exkurs: Kindertheater und Kinderfilm

Romantik und Biedermeier (1790-1850)
Utopie und Kunst – Das »göttliche« Kind – Volkspoesie als Kinderliteratur – Kunstmärchen – Herzens- und Gemütsbildung – Erste Bilderbücher – »Der Struwwelpeter« – Märchen und Sagen im Biedermeier – Moralisch-religiöse Erzählungen

Tendenzen des Realismus (1830-1900)
Hinwendung zur Wirklichkeit – Wissen und Weltkenntnis – Geschichte im Dienst der Nationalerziehung – Der Realismus des Gustav Nieritz – Ferne Welten im Abenteuerbuch – Die Sklavenfrage: »Onkel Toms Hütte« – Begeisterung für Indianerbücher – Der ideale Deutsche: Old Shatterhand – Vom trotzigen Backfisch zur perfekten Dame – Die unangepassten Kinder

Reformbewegungen um 1900
Das »Elend« der Kinderliteratur – Jugendstil und Kunstmoderne – Bilderbücher in der Nachfolge des Jugendstils – Anfänge des Adoleszenzromans – Exkurs: Comics

Von der Jahrhundertwende zur Weimarer Republik (1900-1930)
Furcht vor dem Untergang – Märchen und Fantastik – Wildgänse, Rehe und andere Tiere – »Die Biene Maja« – Von Schatzsuchern und Goldgräbern – Der »Kolonialroman« – Krieg als Abenteuer – Das bürgerliche Familienmodell: »Nesthäkchen«

Neue Sachlichkeit und Sozialismus (1920-1932)
Bekannte Künstler und Dichter – Realistische Großstadtgeschichten – Sozialistische Kinderliteratur

Nationalsozialismus und Exil (1933-1945)
Literaturlenkung – Literarische Erziehung zu Gemeinschaft und Krieg – Fluchten in die kinderliterarische Provinz – Hoffnungen und Utopien der Exilautoren

Nachkriegszeit (1945-1969)
Keine Stunde Null – Aufbruchstimmung – Neue Kinderbuchhelden – Suche nach der »heilen Welt« – Die Erfolgsstory der Enid Blyton – Ausbruch aus der Bilderbuchidylle – Fantastische Zivilisationskritik – Zögerliche Vergangenheitsbewältigung

Die neue Aufklärung (1970-1978)
»1968« – Antiautoritäre Kinderliteratur – Konsequenter Realismus – Problembücher ohne Tabu – Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – Umwelt entdecken im Bilderbuch – Fantastik gegen den Zeitgeist – Exkurs: Die Kinder- und Jugendliteratur der DDR

Von der Neoromantik zur Gegenwart (1979-2002)
Fantastische Wende – Problembücher über Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit – Geänderte Familienbilder – Der psychologische Kinderroman – Jugendliteratur in der Sinnkrise – Postmoderne Bilderbuchwelten – Die Wiederentdeckung der Leselust

Anhang
Literaturverzeichnis – Adressen zur Kinder- und Jugendliteratur – Namenregister – Bildnachweis
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Aus Rezensionen

»Dabei ist ihr das Kunststück gelungen, auf knappstem Raum ein differenziertes Bild der engen Verflechtung der literarischen Entwicklungen mit dem Wandel der pädagogischen Konzepte und der geschichtlichen Rahmenbedingungen zu zeichnen und dabei auch noch durchgängig locker und anregend zu formulieren.«
Ronald Schneider, Besprechungen und Annotationen, Nr. 6, Juni 2003, S. 84

»... ein souverän gemeistertes Kompendium, gut geschrieben, von enormer Sachkenntnis zeugend, mit klugen Einschätzungen und einer Sicht ausgestattet, die manchem wissenschaftlichen Kärrner die Richtung weisen kann, manchen Kollegen zum Widerspruch en detail reizen wird, aber auf jeden Fall allen Interessierten, denen vom Fach wie den Bibliophilen, besonders aber den Studenten der Literatur- und Kulturwissenschaft, zur Lektüre dringend empfohlen wird.«
Klaus Doderer, JuLit 3/2003, S. 50-52

»Einen interessanten Überblick über die wechselvolle Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur gibt nun Isa Schikorsky. Ihr bei DuMont erschienener "Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur" ist nicht nur als Einstieg in die Thematik unbedingt zu empfehlen, sondern auch als knappes Nachschlagewerk, das informiert - und auch unterhält.«
Hannelore Pieler, literaturkritik.de, Nr. 12, Dezember 2003
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Leseprobe
Volkspoesie als Kinderliteratur
Der Beginn romantischer Kinderliteratur in Deutschland kann auf das Jahr 1808 datiert werden, als Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano (1778-1842) den dritten Band ihrer Volksliedersammlung »Des Knaben Wunderhorn« herausgaben. Ihr volkspoetischer Anspruch hielt die Herausgeber allerdings nicht davon ab, die Quellen so zu bearbeiten, dass sie ihren eigenen Vorstellungen von idealer »Volkstümlichkeit« und romantischem »Kinderton« entsprachen. In einem Anhang ließen sie Gebete, Gedichte und Lieder abdrucken, die, zum ersten Mal in der Literaturgeschichte, ausdrücklich für Kleinkinder bestimmt waren. Und noch etwas war neu: Diese Texte wollten nicht belehren. Im bunten Mix aus Liedern für die verschiedenen Tages- und Jahreszeiten und zur Begleitung von Spielen und Tänzen fanden sich bis heute beliebte Reime wie »Lirum, Larum, Löffelstiel« oder »Guten Abend, gute Nacht«. Die Verse ahmten kindlichen Sprachgebrauch nach, boten Sprachspiel und Lautmalerei oder orientierten sich am Rhythmus körperlicher Bewegungen wie etwa bei den Kniereiter- oder Schaukelliedern. Mit dieser Sammlung eroberte sich die Kinderlyrik einen Platz in der Kinder- und Jugendliteratur.
Wesentlich nachhaltiger noch wirkten sich die volkspoetischen Ideen der Romantik auf die Gattung der Kindermärchen aus. Die Aufklärer hatten noch vor den so genannten »Ammenmärchen« gewarnt, da sie Fantasie und Gefühl der Kinder zu sehr anregen würden. Die Romantiker dagegen betonten die besondere Neigung der Kinder zum Wunderbaren, die sie mit deren ganzheitlichem Bewusstsein erklärten, in dem Innen- und Außenwelt, Traum und Realität noch eins seien. Als bedeutsamste Märchensammler der Zeit gelten die hessischen Philologen Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859). Mit akribischem Eifer trugen die Brüder Sagen, Märchen und Legenden aus der schriftlichen, vor allem aber der mündlichen Überlieferung zusammen. Dass es sich nicht – wie lange angenommen – um poetische Zeugnisse aus den unteren Bevölkerungsschichten handelte, hat die germanistische Forschung nachgewiesen. Die Zuträger waren zumeist literarisch gebildete junge Damen aus dem Kasseler Bürgertum.
1812 gaben die Gebrüder Grimm den ersten von drei Bänden ihrer »Kinder- und Hausmärchen« heraus. Erfolgreich waren sie damit zunächst nicht. Für Kinder hielten die Zeitgenossen diese Texte, in denen es von Obszönitäten, derben Zoten und Grausamkeiten nur so wimmelte, keineswegs geeignet. In den folgenden Jahren machte sich Wilhelm Grimm daran, die Sammlung gründlich zu überarbeiten. Er glättete und milderte anstößige Stellen und strich einige besonders brutale Märchen. Im Vorwort zur zweiten Auflage von 1819 hieß es dann: »Dabei haben wir jeden für das Kindesalter nicht passenden Ausdruck [...] sorgfältig gelöscht.« Erst die so genannte »Kleine Ausgabe« von 1825 mit einer Auswahl von fünfzig Geschichten, darunter »Der Froschkönig«, »Hänsel und Gretel«, »Aschenputtel« und »Dornröschen«, begründete den beispiellosen Siegeszug der Grimmschen Märchen. In dieser Form wurden sie stil- und gattungsbildend für das Volksmärchen und zu einem Klassiker der Kinderliteratur. Unverkennbare Merkmale sind die schlichte Struktur, die zahlreichen Wiederholungen und der stereotype Handlungsablauf, aber auch der formelhafte, naive Sprachgestus, der fortan als Inbegriff des volkstümlichen Märchentons galt. Faszination und überzeitliche Aktualität der Geschichten beruhen auf dem Prinzip des Einfachen. Archetypische menschliche Grundsituationen und -probleme werden in prägnante Bilder gefasst und mittels wunderbarer Lösungen, insbesondere durch Zauberei, nach einem immer gleichen Muster bewältigt. Dieser Schematismus, der auch in der Anlage der auf wenige Merkmale reduzierten Figuren, der schlichten Moral und dem stets glücklichen Ausgang zum Ausdruck kommt, entspricht entwicklungspsychologisch dem noch eingeschränkten Weltbild jüngerer Kinder, die von den Märchen der Brüder Grimm zumeist besonders angetan sind. (top)