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Sachbücher

Helden, Helfer und Halunken
Perfekte Figuren für Ihren Roman. Ein Schreibratgeber
Norderstedt: BoD 2014, 216 Seiten, 11,50 Euro (E-Book 6,49 Euro)

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Inhalt Leseprobe

   

Mit vielschichtigen, unverwechselbaren Figuren werden Sie die Leser Ihrer Romane und Erzählungen begeistern und emotional berühren. Dieses Buch unterstützt Sie dabei, überzeugende Charaktere zu erfinden und zu gestalten.
Die sieben Hauptkapitel beschäftigen sich mit folgenden Themen: Aspekte der Figurenentwicklung; Methoden zum vertieften Erkunden von Figuren; Erzählperspektiven und ihre Wirkung; Möglichkeiten der Vorstellung von Figuren in der Geschichte; Sprechen und Denken von Figuren. Am Ende der Einzelkapitel und am Schluss des Buches wird das „Wichtigste in Kürze“ zusammengefasst. Die allgemeinen und theoretischen Überlegungen werden durch zahlreiche Beispiele aus der Literaturgeschichte und aus der Werkstatt von Autoren und Autorinnen illustriert. Außerdem gibt es Praxistipps und Schreibimpulse sowie ergänzende Hinweise auf Literatur und Webseiten.

   
Inhalt
  1. Figurenrollen und Grundtypen
    1. Protagonist, Antagonist & Co.
    2. Reale und fiktionale Figuren
    3. Nicht menschliche Figuren
  2. Figuren im Erzählprozess
    1. Figuren und Plot
    2. Wann überzeugen Figuren?
    3. Anforderungen an Hauptfiguren
  3. Figuren entwickeln
    1. Grunddaten
    2. Außenbild
    3. Innenbild
    4. Lebensbild
  4. Figuren kennenlernen
    1. Befragungen
    2. Selbsterkundungen
    3. Soziale Netzwerke
    4. Horoskop und Tarot
    5. Literarische Aufstellungen
  5. Erzählperspektiven festlegen
    1. Wer erzählt die Geschichte?
    2. Typische Erzählsituationen
    3. Perspektiven auswählen und variieren
  6. Figuren auftreten lassen
    1. Wie redet der Erzähler die Figur an?
    2. Tücken des ersten Figurenauftritts
    3. Verfahren der Figureneinführung
  7. Figuren sprechen und denken lassen
    1. Formen und Funktionen der Redewiedergabe
    2. Figuren reden
    3. Figuren denken
  8. Statt einer Zusammenfassung
    1. Zwanzig Tipps für perfekte Figuren
    2. Zwanzig Ideen, Figuren zu finden und zu gestalten
    Anmerkungen und Literatur
    Tabelle: Aspekte der Figurengestaltung
   

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Anforderungen an Hauptfiguren (Ausschnitt S. 31-33)

In diesem Kapitel geht es um Grundbedingungen, die Ihre Protagonisten erfüllen müssen, um in einem Erzähltext zu überzeugen. Literarische Figuren sind immer Kunstfiguren und in allen Grundzügen außergewöhnlicher als Menschen der Wirklichkeit. Sie sind plastischer gearbeitet, verfügen über schärfere Konturen, weisen nicht nur vertraute, sondern auch fremde und exotische Züge auf. Eine Hauptfigur muss einem Ziel folgen und dabei Hindernisse überwinden, sie muss glaubwürdig sein und motiviert handeln. Ihr Charakter ist einfacher als der eines normalen Menschen und relevant für die Handlung, trotzdem mehrdimensional und komplex. Und schließlich muss die Hauptfigur in der Lage sein, beim Leser Sympathie oder zumindest Faszination zu erzeugen.

Motiviertheit und Glaubwürdigkeit
Die Begriffe Motiviertheit und Glaubwürdigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Das Handeln der Figuren muss motiviert sein, es muss Gründe geben, warum sie ein Ziel verfolgen und warum sie es in der dargestellten Art und Weise und keiner anderen tun. Der Leser muss diese Gründe nachvollziehen können, nur dann erscheinen sie ihm glaubwürdig. Die Grundfrage lautet: Wie stark ist der Antrieb für die Figur, ein Ziel überhaupt in Angriff zu nehmen, einen Traum zu verwirklichen, einen Plan in die Tat umzusetzen? Im realen Leben sind Ziele schnell gesetzt, bevorzugt zu Neujahr: ein paar Kilo abnehmen, mit dem Rauchen aufhören, einen Roman schreiben usw. Gute Gründe dafür lassen sich auch leicht finden: endlich wieder in die schicke Jeans passen, beim Treppensteigen nicht mehr keuchen, Kreativität ausleben. Doch mit der Umsetzung hapert es oft, wie wohl jeder aus leidvoller Erfahrung weiß, weil Bequemlichkeit und Routine stärker und die Ziele vielleicht zu abstrakt sind, vor allem aber, weil sie nicht überlebenswichtig sind. Wir können sie ändern oder wieder aufgeben, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Alles ist wie zuvor, der Status quo bleibt gewahrt. Auch wenn wir unsere Pläne noch so laut verkünden, sie sind schwach motiviert und meist nicht lange aufrechtzuerhalten, allen guten Ratschlägen von Psychologen und Motivationstrainern zum Trotz. Allerdings können sich schwache Triebkräfte schnell in starke verwandeln, wenn beispielsweise der Arzt nach der Untersuchung sagt: »Wenn Sie weiterrauchen, sind Sie in einem halben Jahr tot.«
Den Unterschied zwischen schwacher und starker Motivation hat Jörg Ehrnsberger an einem anschaulichen Beispiel erklärt: Wenn jemand durstig ist, aber gemütlich in seiner Küche sitzt, Wasserflasche und Wasserhahn in greifbarer Nähe, ist die Motivation, etwas zu trinken, relativ gering. Man lässt sich leicht ablenken, vergisst das Ziel möglicherweise wieder. Wenn dagegen jemand durch die Wüste irrt, seit Tagen nichts mehr getrunken hat, und er sieht eine Oase am Horizont: Wie steht es dann um seine Motivation?
Es ist an Ihnen als Autor, Ihre Figuren zu motivieren. Impulse können von außen kommen, besondere Begegnungen oder einschneidende Ereignisse wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Unfall oder eine Erbschaft können die Notwendigkeit zum Handeln begründen. Neben den äußeren Motiven spielen die inneren eine große Rolle für die Verfolgung von Zielen. Ihre Wirkung ist viel intensiver und länger anhaltend. Anteil daran haben etwa Charaktereigenschaften, Dispositionen, Erfahrungen, Traumata und die Erwartungen anderer. Wer seinem Vater beweisen will, dass er nicht der Versager ist, für den er gehalten wird, strebt den Chefposten möglicherweise mit wesentlich mehr Energie an als der ebenso qualifizierte Kollege, der diesen zusätzlichen Ansporn nicht verspürt. Neugier, Eifersucht, Liebe, Geltungsdrang, Rache, Ehrgeiz oder Abenteuerlust sind sehr wirksame Antreiber. Oft liegt dem Handeln eine Mischung aus äußeren und inneren Faktoren zugrunde und einzelne Ziele können verschieden motiviert sein. Miss Marple treibt die Neugier zur Verbrecherjagd, Hercule Poirot die intellektuelle Eitelkeit und den Kriminalkommissar sein Beruf.

Insbesondere passive Helden brauchen einen Handlungsanreiz von außen, zum Beispiel einen Brief mit einer Einladung (»Harry Potter«), eine Wette (»In 80 Tagen um die Welt«) oder einen Auftrag (»Der kleine Hobbit«). Je nachdem, wie unwillig der Protagonist ist, müssen Zwang oder Erpressung angewandt werden oder es muss eine attraktive Belohnung winken. Die Aufgabe muss dringend sein und niemand anderer als gerade diese Figur kann sie lösen. Denken Sie an Bastian Balthasar Bux, den Helden aus Michael Endes Roman »Die unendliche Geschichte«. Ihm genügt es völlig, über die geheimnisvolle Welt Phantasiens zu lesen. Dann erfährt er, dass er der Einzige ist, der die Kindliche Kaiserin und ihr Land vor dem Untergang retten kann. Zunächst ignoriert er die Hilferufe und erst im allerletzten Augenblick springt er in die Geschichte hinein und übernimmt die ihm zugedachte Aufgabe. (top)